
Infobrief Haiku–Steg
3 / 2008 (Juli)
Liebe Leserinnen und Leser,
im
Sommer 2008 wurde der Haiku-Steg um neue Beiträge
ergänzt:
Die
bereits für Mai angekündigte Übersetzung des Artikels von Emiko
Ohnuki-Tierney wurde erst vor kurzem abgeschlossen und steht nun zur Verfügung. Die
an der
Universität von Wisconsin in Madison lehrende und forschende
Professorin zeichnet in Missbrauch
der
Ästhetik. Die intellektuellen Wege der Kamikaze ein
Bild
der japanischen tokkôtai,
das dem Klischee des todesmutigen
Kriegers widerspricht. Eine große Anzahl der tokkôtai
waren rekrutierte Studenten von hoher Bildung und keineswegs
überzeugte Militaristen. Ihre von Emiko
Ohnuki-Tierney veröffentlichten Tagebücher
zeigen ihre Zweifel und innere Zerrissenheit. Der
Aufsatz mag auch für Freunde der Haiku-Dichtung von Interesse sein.
Nicht nur, weil einige der jungen Piloten Haiku, Tanka und
andere Gedichte schrieben. Ohnuki-Tierney führt die
historische Entwicklung und den Missbrauch des
ästhetischen Symbols der Kirschblüte in Japan vor.
Ein Symbol,
das in der Haiku-Dichtung ebenfalls von großer Bedeutung
ist.
Derzeit
erlebt die deutsche Lyrik eine neue Blüte.
Zu nennen wäre beispielsweise die Hildesheimer
Literaturzeitschrift Bella
triste, in der die junge Dichtergeneration u.a. das eigene Schreiben
selbstkritisch reflektiert und literarische Debatten führt. Der
1971 geborene Wahlberliner Jan
Wagner gab 2003 gemeinsam mit Björn Kuhligk die Anthologie „Lyrik von
Jetzt“ heraus. Ende 2007 erschien im
Berlin-Verlag sein dritter, mehrfach wohlwollend
rezensierter, Gedichtsband "Achtzehn Pasteten". Wie schon
zuvor in „Guerickes Sperling“ findet man
auch hier einige Gedichte
in 5-7-5- Silben, verteilt auf drei Zeilen. Die Gattungsbezeichnung
Haiku wird nicht erwähnt. Ich habe nachgefragt, wie Jan Wagner diese Gedichte
selbst einschätzt und wie er das Verhältnis von Lyrik
und
Haiku sieht. Auf
Zehenspitzen. Jan Wagner im Gespräch mit Udo
Wenzel.
Außerdem Neues
auf der Haiku-Seite,
der Gedichte-Seite,
die Prosaskizze Erfüllungsort von Udo
Wenzel auf der Prosa-Seite
und in der Galerie
die Fotoserie Hundeleben.
Neuerungen auf
der Website des Gendai-Haiku:
Die
Übersetzungen ins
Deutsche auf der
Gendai-Haiku-Seite sind
abgeschlossen. Auf http://www.gendaihaiku.com/german/index.html
findet man nun zusätzlich die Porträts von zwei japanischen Autorinnen: Ônishi Yasuyo ist
Senryû-Dichterin. In den Interviews erfährt man
etwas über die Geschichte des
Senryû und von der
Schwierigkeit, das Genre von der Haiku-Dichtung abzugrenzen. Yagi Mikayo ist eine der ersten
Haiku-Dichterinnen des zeitgenössischen Haiku gewesen und war
unter anderem Schülerin von Saitô Sanki. Die heute
unter Alzheimer leidende Mikajo wird in einer Reihe von
Zeitzeugenberichten und Kommentaren vorgestellt, die auch Beispiele
ihrer ungewöhnlichen Haiku-Dichtung enthalten. Auch
ein kurzes Interview liegt
vor. Alle
Gedichte wurden gemeinsam von Kanae
Shirai-Elfeky und Udo Wenzel übersetzt. Außerdem ist ein zweiter Teil des Interviews mit der
Präsidentin der Gendai Haiku Kyokai (Modern Haiku
Association), Uda
Kiyoko, zu sehen. Sie erläutert, auf welche Weise
ökologische Themen in ihre Dichtung
einfließen.
Unbeschwerte Sommertage
wünscht
Udo Wenzel